1965–1982

Auch nach der Auflösung der „Landfahrerzentrale“ und der Aufhebung der „Landfahrerordnung“ wurde die Sondererfassung der Sinti und Roma weiter fortgesetzt. So wurden beispielsweise weiterhin Namenslisten mit Kürzeln wie ZN für „Zigeunername“ oder MEM für „Mobile ethnische Minderheit“ verwendet, um Minderheitenangehörige nur aufgrund ihrer Abstammung kriminalpräventiv zu erfassen. Erst der Hungerstreik in Dachau bringt ein Umdenken der Mehrheitsgesellschaft in Gang, der bis heute andauert. Die Erstarkung der Bürgerrechtsbewegung und die damit verbundene Gründung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma findet ihren Höhepunkt in der langen überfälligen Anerkennung des Völkermordes aus rassistischen Gründen durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. 

1965: Die bayerische „Landfahrerzentrale“ wird offiziell aufgelöst.

1970: Die „Bayerische Landfahrerordnung“ wird aufgehoben, da sie nicht mehr als mit dem Grundgesetz vereinbar gilt. Inoffiziell geht die Sondererfassung der Sinti und Roma durch die bayerische Polizei allerdings weiter. (Einblick S33) So wurden beispielsweise weiterhin Namenslisten mit Kürzeln wie ZN für „Zigeunername“ oder MEM für „Mobile ethnische Minderheit“ verwendet, um Minderheitenangehörige nur aufgrund ihrer Abstammung kriminalpräventiv zu erfassen.

Noch 2019 kam es zu politischen und juristischen Auseinandersetzungen mit der Bayerischen Polizei wegen der Sondererfassung, so hatte die Bayerische Datenschutzbeauftragte die Verbände der Bayerischen Polizei anlässlich mehrerer bei einer Stichprobe aufgefallener Verwendungen von Minderheitszugehörigkeiten „an einen sensiblen Umgang mit den Eintragungen in polizeilichen personenbezogenen Sammlungen“ erinnern müssen.(vgl. Pressemitteilung Zentralrat 14.12.2021)

1964-1970er

Bis 1964 hatte die Landfahrerkartei circa 11.000 Familienakten mit circa 55.000 erfassten Personen gesammelt. Circa 7000 in der Sammlung „Allgemeine Landfahrer-Lichtbild Kartei“. Circa 2,700 Sammlung „Landfahrer-Straftäterkartei“, usw.

1974, München, „Landfahrerplatz“ an der Kranzberger Allee, wird aufgelöst da eine Kläranlage gebaut wird. Umsiedlung in die Burmesterstraße. Nach dem Krieg war der „Landfahrerplatz“ in Steinhausen- Riem, die sogenannte „Zigeunerschlucht“. Auf dem neu geschaffenen Platz wohnen die Familien in Blechbauwägen. „Die Wägen wurden zwar mit Öl beheizt, aber im Winter waren sie sehr kalt. Den kleinen Mädchen froren an richtig kalten Tagen über Nacht die Haare an den Blechwänden fest.“ beschreibt Uta Horstmann, die die Familien damals als Angestellte der Stadt begleitete. (Einblick S26)

„In den 70er Jahren gab es für die Sinti- und Roma-Kinder noch Sonderklassen innerhalb der Sonderschule, sozusagen eigene „Zigeunerklassen“. An der Burmesterschule wurden die Kinder ein einer Sonderklasse im Keller unterrichtet und hatten getrennte Pausenzeiten wie die anderen Kinder,“ so Uta Horstmann. (Einblick S26)

Platz an der Riemer Straße, November 1955
(Stadtarchiv München FS-ERG-C-0075)

1980

Hungerstreik im KZ Dachau

Im ehemaligen KZ Dachau treten Sinti und Roma in einen international beachteten Hungerstreik. Ihre Ziele sind unter anderem die weitere Bekanntmachung des Völkermordes sowie die Vernichtung der Akten der Landfahrerkartei. (vgl. BIG S7)

Einen Wendepunkt markiert der Hungerstreik von Sinti im April 1980 im ehemaligen Konzentrationslager Dachau. Den streikenden Sinti – darunter mehrere Holocaust – Überlebende und der heutige Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose – ging es vor allem um die Abschaffung von polizeilicher Sondererfassung und Schikane sowie die Freigabe von NS-Akten der sogenannten „Zigeunerpolizeistelle“. Die Öffentlichkeit zeigte sich überwiegend solidarisch mit den Streikenden und so wurde die Wahrnehmung von Sinti und Roma in der Gesellschaft nachhaltig verändert. (vgl. BIG S40)

„Der Hungerstreik im ehemaligen KZ in Dachau war ein einschneidendes Erlebnis und hat auch die Haltung der Bevölkerung und der Stadt München gegenüber Sinti und Roma beeinflusst,“(Einblick S27) so Uta Horstmann, die als einzige Frau und Nicht-Sintezza am Hungerstreik teilgenommen hat.

„Der Hungerstreik im ehemaligen KZ in Dachau war ein einschneidendes Erlebnis und hat auch die Haltung der Bevölkerung und der Stadt München gegenüber Sinti und Roma beeinflusst,“(Einblick S27) so Uta Horstmann, die als einzige Frau und Nicht-Sintezza am Hungerstreik teilgenommen hat.

Februar 1982

Gründung: Zentralrat Deutscher Sinti & Roma

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma mit Sitz in Heidelberg wird gegründet. Der Zentralrat vertritt auf nationaler und internationaler Eben die Belange der Sinti und Roma.

1982

Anerkennung durch Kanzler Helmut Schmidt

Bundeskanzler Helmut Schmidt erkennt erstmals an, dass der Völkermord an den Sinti und Roma aus rassischen Gründen begangen wurde.

„Den Sinti und Roma ist durch die NS-Diktatur schweres Unrecht zugefügt worden. Sie wurden aus rassischen Gründen verfolgt. Diese Verbrechen haben den Tatbestand des Völkermords erfüllt.“
(Helmut Schmidt, 17. März 1982)